Ich bin Doktorandin an der Fakultät für Geschichtswissenschaften am Europäischen Universitätsinstitut (EUI) in Florenz, Italien. Bevor ich ins EUI kam, studierte ich Kunstgeschichte an der Warschauer Universität und Soziologie und Sozialanthropologie an der Zentraleuropäischen Universität, wo ich mich auf die sozialen Kontexte moderner Kunstproduktionen konzentrierte. In meiner Forschung kombiniere ich Methoden aus der historischen Forschung und den Sozialwissenschaften. Derzeit untersuche ich den Wandel der polnischen BH-Industrie im 20. und 21. Jahrhundert. Ich analysiere, wie sich die Einführung des Neoliberalismus auf Produktionsweisen, Eigentumsverhältnisse und geschlechtsspezifische Klassenbeziehungen ausgewirkt hat. Meine Forschung befasst sich auch mit Erinnerungskonflikten im Zusammenhang mit der Privatisierungswelle von 1989 und damit, wie diese ungelösten Spannungen weiterhin die lokale Politik prägen und den alltäglichen Diskurs beeinflussen. Ich verorte meine Ergebnisse im Rahmen von Theorien, die sich auf globalen Wertschöpfungsketten fokussieren. Dadurch möchte ich die Rolle der postsozialistischen osteuropäischen Staaten in der heutigen Weltordnung untersuchen. Neben dieser Forschungsarbeit setze ich mich leidenschaftlich mit intersektionaler ökonomischer Forschung auseinander, die soziale Ungleichheiten sowie feministische und queere Theorie thematisiert. Ich bin Mitglied der Queer and Feminist Working Group am EUI und habe Kurse zur zeitgenössischen Sozialtheorie und eine Einführung in die Queer-Theorie unterrichtet.
Forschungserklärung: Flexible labor, intimate objects. Undergarment production in socialist and postsocialist small-town Poland, 1949-2023
Mein Projekt untersucht die Veränderungen in der Lingerieindustrie in Głowno, das seit den 1950er Jahren als „BH-Hauptstadt Polens“ bekannt ist. Der Schwerpunkt liegt auf den Auswirkungen des Zusammenbruchs des sozialistischen Staates im Jahr 1989 und der Einführung der neoliberalen Demokratie in Osteuropa. Das Forschungsprojekt untersucht den Wandel der Produktionsweisen von unabhängigen Genossenschaften zu staatssozialistischen Betrieben und schließlich zu privatem Unternehmertum und spiegelt damit die allgemeinen Veränderungen in den globalen Wertschöpfungsketten wider. Diese Arbeit trägt zur Forschung darüber bei, wie das Zusammenspiel von globalem Kapitalismus und lokalen Erfahrungen Ungleichheiten auf der Grundlage von Klasse, Nationalität, ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht und Sexualität hervorbringt. Zudem bietet sie Einblicke in die Arbeits- und Kapitaldynamik im postsozialistischen Europa.
Von den 1970er bis zu den 2010er Jahren war die polnische BH-Industrie ein halbperipherer Subunternehmer, der multinationalen westlichen Unternehmen billige Arbeitskräfte zur Verfügung stellte. Im Rahmen des globalen Unterbietungswettlaufs im Bekleidungssektor verlagerte sich die Produktion schließlich nach Asien. Seit 1989 hat sich die Industrie vom öffentlichen zum privaten Sektor verlagert, was zu einer Veränderung der lokalen Produktions- und Konsummuster geführt hat. Dieser Übergang führte zu verschiedenen Konflikten rund um die Privatisierung von Industrieressourcen und -gewinnen. Auch die Einführung neuer Arbeitsgesetze, die die lokalen Machtverhältnisse weiterhin beeinflussen, brachte Probleme mit sich. Die Untersuchung stützt sich auf eine Fallstudie aus Głowno. Es werden mündliche Interviews mit Arbeiter:innen, Manager:innen und Unternehmer:innen aus der Korsettindustrie geführt, um zu analysieren, wie sie diese Veränderungen im Kontext der neoliberalen Wende und der Globalisierung bewerten. Durch die Einordnung dieser lokalen Industrie in umfassendere globale Strukturen untersucht das Projekt, wie wirtschaftliche Veränderungen die Eigentumsverhältnisse, Klassen- und Geschlechterstrukturen verändern und wie sie Konflikte über Gerechtigkeit und Gleichheit in dieser Kleinstadt hervorrufen.